Einer is(s)t glücklich. Zwei dürfen sich beschweren. Fair ist fair.

Ich habe ein Problem. Okay. Zugegeben, ich hab sicher mehrere. Aber eines, das mich im Moment besonders beschäftigt, betrifft die Ernährungsgewohnheiten meiner Jüngsten. Also, hier von Ernährungsgewohnheiten zu sprechen, wenn es sich um eine Zweijährige handelt, ist sicher nicht ganz korrekt. Vermutlich müsste es die bevorzugten Ernährungsweisen heißen, aber wer nimmt das schon so genau.

Es geht auf alle Fälle um Folgendes: Mein Kind isst mit Vorliebe Fleisch bzw. stark gewürzte Wurst. Hört sich ja jetzt gar nicht so schlimm an. Aber wenn ein kleines Mädchen den ganzen Tag am liebsten die dicksten Cabanossis und Salami essen würde und das meiste andere vehement verweigert, wird es schon schwieriger. Unlängst waren wir zu Gast am Grundlsee. Mädimausi und ihren Fleischtick fanden alle süß. Bis sie den anderen sieben Anwesenden beim Frühstück auch noch den Rest des ganzen Aufschnittes weggefuttert hat.

Denn kaum war die Salami weg, kam gnädiger Weise der Schinken dran. Semmel oder Brot wurde nur unter Androhung von absolutem Fleischverbot gegessen. Und auch nur wenig. Im gekochten Zustand werden ebenfalls alle Beilagen und Gemüsesorten verweigert. Zum Glück isst sie im Rohzustand Gemüse und Obst. Also bekommt die Jüngste dann zu Mittag einen Teller mit Fleisch und Rohkost. Sogar Nudeln werden abgelehnt. Außer ich ertränke sie in Sauce Bolognese, sodass sie nicht auffallen. Trennkost der Extraklasse.

Was ich auf meine alten Tage noch so alles lernen kann. Nun hab ich ein anderes Mädchen, das beinahe alles isst. Beinahe. Und eines, das sich am liebsten von Nudeln pur und Süßem ernähren würde. Wäre ich eine leidenschaftliche Köchin, würde mich das vermutlich an den Rand des Wahnsinns treiben und ich wäre mit meinem Latein schnell am Ende. Zum Glück kann ich nur mäßig kochen und bei Latein komme ich schon zu einem Ende, bevor ich überhaupt angefangen habe. Es gibt eben ab jetzt jeden Tag für eine etwas, das sie gerne isst und zwei dürfen sich lauthals beschweren. Fair ist Fair. Und irgendwann hört man die Beschwerden ohnehin nicht mehr und machen im Ohr nur noch ein kleines leises Fipsen aus.

Und ich? Ich musste mit Entsetzen feststellen, dass ich nicht einmal mehr so genau weiß, was ich gerne esse. Als ich unlängst von einer Freundin in ein vornehmes Restaurant ohne Kinder zum Essen ausgeführt wurde und ich somit nicht das obligatorische Schnitzel mit Pommes der Kleinen oder die Reste der Großen verspeiste, war ich restlos überfordert. Bei jeder Speise fragte ich mich, als würde ich sie zum ersten Mal hören, ob ich sie denn mochte. Nach 10 Jahren Kinderessen hatte ich keine Ahnung mehr von meinen Essenswünschen. Ich wählte Fisch. Und ich kann jetzt zumindest sagen: Ich mag Fisch, sogar ohne Panier und in nicht gepresster Form.

Illustration: Susanne Binder

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