Rechtschreibung aus der Sicht einer Achtjährigen

Alva´s Glitzerschuhbande

»Mama? Wohnen wir in der Schlussgasse mit ›ß‹ oder mit ›ss‹? Denn bei den Briefen, die wir zugestellt kriegen, steht es einmal so und einmal so.«

»Schatz, ich glaube, korrekt müsste es Schlussgasse mit zwei ›s‹ heißen, aber möglicherweise ist es in dem Fall nicht so schlimm, wenn man es anders schreibt.«
»Warum?«
»Hmm, ich habe in der Schule noch gelernt, dass am Ende eines Wortes nie ein doppeltes ›s‹ stehen darf. Darum schrieb man den Schluss mit ›ß‹. Seit der Rechtschreibreform schreibt man nach lang ausgesprochenen Vokalen immer ›ß‹ wie beim Wort ›Fuß‹ und bei kurz gesprochenen Wörtern ›ss‹ wie zum Beispiel beim Wort ›Kuss‹.«
»Ja, aber warum schreiben dann viele die Schlussgasse noch so wie früher?«
»Ich denke, weil ‚Schlußgasse‘ einfach ihr Name war, darum glauben einige vielleicht, dass hier die Rechtschreibreform nicht gilt.«
»Aber es ist eigentlich falsch.«
»Ja.«
»Und warum hat man bei dieser Schreibreform nicht gleich gesagt, dass es nur noch ›s‹ gibt und das ›ß‹ wegfällt? Du hast mir doch einmal erklärt, das wurde gemacht, um die Sprache zu vereinfachen.«
»Das weiß ich eigentlich auch nicht.«
»Ist sowas mit vielen Wörtern passiert?«
»Dass man sie jetzt anders schreibt? Ja und nein. Denn bei ganz vielen gelten jetzt einfach beide Formen.«
»Mich verwirrt das.«
»Mich auch, aber du lernst es ja in der Schule, wie man alles richtig schreibt.«
»Hmmm, das hast du damals aber auch. Und wenn ich groß bin, ändern sie die Schreibweise einfach um, und es stimmt wieder nichts mehr.«
»Auch daran gewöhnt man sich. Oder man schaut eben im Duden nach.«

Mädchen nickt und geht ins Zimmer. Dort schreibt sie ihrem Vater eine Nachricht, auf der sie ihn bittet, die selbstgebackenen Schokokugeln im Kühlschrank für uns vier Frauen stehenzulassen und nicht aufzuessen:

Forsicht Fraun eigentum! wen eine felt die Kugeln sind gezelt!
Krigst du erger von den Frauen! Eigen tum von den Frauen!

Auf meine Anmerkung, dass auf dieser Notiz aber sehr viele Fehler stehen und ob ich sie ihr korrigieren soll, meint das Kind:
»Nein, lass gut sein. Irgendwann stimmt es ja dann eh wieder, wie ich es geschrieben habe. Wir warten einfach ab.«

Bild: Susanne Binder

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s