Der gefressene, imaginäre Schmetterling

Alvas´Glitzerschuhbande
Die Theamtik „Sterben“ verlangt, so finde ich, je nach Kind extrem unterschiedliche Herangehensweisen. Meine Große ist sehr sensibel. Und seit sie ungefähr drei war, kam das Thema „Tod“ in regelmäßigen Abständen: Warum? Was passiert dann? Ich will das nicht. Sterben alte Leute früher? Was kommt danach? Was ist eine Seele? Um nur ein paar Fragen zu nennen, um die es sich dann dreht. Das Einschlafen wird für sie zum Problem, weil Ängste in ihr aufkommen, dass sie nie wieder aufwacht. Und das Einschlafen der anderen wird auch zum Problem, denn sie werden regelmäßig geweckt, um nicht im Schlaf das Zeitliche zu segnen. Mit Logik kann man hier nicht vorgehen. Dass wir alle gesund sind, damit kann man sie auch nicht trösten, weiß sie doch um das Leid des einen und des anderen Bescheid, der auch bis vor kurzem gesund war. Irgendwann ist diese Phase dann vorbei und die Welt dreht sich eine Weile wieder nur um Schule, Freunde, Theaterspielen…

Meine Mittlere wirkt dahingegen fast emotionslos. Sie sagt maximal: „Schade, dass der Soundso gestorben ist“. Wobei unklar ist, ob sie auch diesen Satz nicht nur von uns Erwachsenen nachplappert.

Als ich unlängst das Baby fütterte, saß sie fasziniert gegenüber und sah zu. Das jüngste Mädchen, das zumeist alleine isst, liebt hin und wieder noch das Spiel „Füttere mich und mache Geräusche“. Also brummte ich Löffel für Löffel einen Lastwagen, ein Auto … Irgendwann kamen wir zu den Tieren und sie rief: „Ling, Ling.“ Nachdem ich manchmal ihre Sprache spreche, wusste ich, dass das der Code für „Schmetterling“ war. Da ich nun nicht sicher war, welche Geräusche ein Schmetterling von sich gibt, entschied ich mich für ein: „Flapp, Flapp, Flapp.“ Klein Mädi lachte, öffnete den Mund und hatte Riesenspaß, als sich der „Flappflapplöffel“ darin versenkte. Die Mittlere schaute hingerissen zu, wartete bis die Kleinste das Essen hinunter geschluckt hatte und kommentierte dann grinsend: „Und jetzt ist er tot.“ Ich warf ihr einen kurzen mahnenden Blick zu. Die Kleinste, die nun ständig schrie: „Nomal!!Nomal!!“, wurde belohnt und der nächste Schmetterling machte sich auf, um in ihrem Mund zu verschwinden. Nicht ohne einem weiteren Satz: „Jetzt ist der Nächste tot.“ Das Spiel spielten wir noch ein paar Mal mit den Kommentaren meiner Mittleren: „Wieder tot.“ „Noch einer gestorben.“ Und „Oh ja, du hast jetzt echt schon viele Schmetterling tot gefressen.“ Als ich sie etwas länger und vermutlich auch nachdenklich ansah, rutschte sie mit einem Achselzucken vom Sessel und meinte: „Na, stimmt ja. Oder?“ Dann ging sie ins Kinderzimmer, offenbar gelangweilt von den vielen Morden an den Schmetterlingen. Ich war erstaunt, aber doch recht froh, dass dieses Mädchen so einen ganz anderen Umgang mit dem Thema hatte. Denn meine Große, der ich am Abend die Geschichte erzählte, reagierte mit einem: „Die armen Schmetterlinge.“ Auf meinen Einwand, dass es die doch gar nicht gab, erwiderte mein Sensibelchen: „Ja, trotzdem!“

Obwohl manchmal war es mit der sensiblen Art doch nicht so weit her und sie überraschte mich neulich mit einer Aussage enorm. Denn, als ich nachdenklich, an meinen Mann gerichtet, anmerkte, dass ich bitte nach meinem Tod verbrannt werden wollte und die Asche wenn möglich in ein fließendes Gewässer gestreut werden sollte, bedachte sie mich mit einem langen Blick, um dann weiter in ihrem Malbuch zu malen und festzustellen: „Ist gut. Dann streuen wir die Asche in den Ausguss. Fließt auch und rinnt vermutlich in die Donau.“ Na aber hallooo!!!?

 

Bild: Susanne Binder

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